Open Autonomy
Eine offene Philosophie radikaler Selbstbestimmung
Keine Idee steht über dem Einzelnen – auch nicht diese.
Präambel
Jede Epoche hat ihre Heiligtümer. Früher waren es Gott, König und Vaterland, heute sind es oft Gesellschaft, Fortschritt, Effizienz oder System. Die Namen wechseln, das Muster bleibt: Eine Abstraktion wird über den konkreten Menschen gestellt, der ihr dienen soll.
Open Autonomy widerspricht diesem Muster. Ausgangspunkt ist Max Stirners Der Einzige und sein Eigentum (1844).1 Seine Kritik an fixen Ideen wird mit der wissenschaftlich-rationalen Tradition von Bertrand Russell, Karl Popper und Carl Sagan verbunden.
Daraus entsteht kein fertiger Gesellschaftsentwurf, sondern ein Framework, das seine eigenen Voraussetzungen angreifbar hält.
Stirners radikale Eigenheit erlaubt jedem, alles anzugreifen. Offen bleibt jedoch, was geschieht, wenn mehrere Einzige aufeinandertreffen. Open Autonomy versucht, dieses soziale Problem zu bearbeiten, ohne die Eigenheit einer höheren Moral zu unterwerfen.
Es ist deshalb Prozess, kein Endzustand:
Open Autonomy ist ein Framework zur fortlaufenden Erweiterung realer Autonomie. Der konkrete Mensch soll möglichst weit befähigt werden, über sich und seine Bindungen zu verfügen, sie zu prüfen, zu verändern und gegebenenfalls zu verlassen.
Nicht Beschränkung ist das Problem, sondern fremdbestimmte und nicht mehr angeeignete Beschränkung.
1. Stirner: Eigenheit statt abstrakter Freiheit
„Ich hab' mein' Sach' auf nichts gestellt."
Mit diesem Vers aus Goethes Vanitas! vanitatum vanitas!2 beginnt und endet Stirners Buch. Gemeint ist die Weigerung, die eigene Existenz auf etwas Höheres zu gründen.
Stirner nennt solche verselbstständigten Abstraktionen fixe Ideen, Sparren oder Spuk: Religion, Staat, Nation, Moral, Gesellschaft, Menschheit oder selbst „der Mensch". Sie werden problematisch, sobald nicht mehr der Mensch die Idee gebraucht, sondern die Idee den Menschen.
Open Autonomy übernimmt diesen Verdacht. Institutionen und Gemeinschaften sind Werkzeuge. Ihr bloßes Bestehen begründet keinen Anspruch auf den Einzelnen.
Auch Eigentum meint bei Stirner mehr als materiellen Besitz: tatsächliche Verfügungsmacht. Deshalb unterscheidet er zwischen Freiheit und Eigenheit.1 Formale Freiheit bleibt leer, wenn der Einzelne nichts mit ihr anfangen kann.
Daraus folgt:
Autonomie ist keine abstrakte Freiheit, sondern ein Vermögen.
Wirkliche Menschen sind begrenzt, abhängig und sozial. Autonomie kann daher nicht Ungebundenheit bedeuten.
Autonomie heißt, möglichst weitgehend über die eigenen Bindungen zu verfügen.
Eine freiwillig eingegangene Bindung legitimiert sich nicht für alle Zukunft. Der Wille von gestern darf nicht zur fixen Idee werden, die den gegenwärtigen Einzelnen beherrscht.
2. Der Verein: das soziale Problem des Einzigen
Stirner stellt der vereinnahmenden Gesellschaft den Verein von Egoisten1 gegenüber: Menschen kooperieren, weil es ihren Zwecken dient, nicht weil ein höheres Wir es verlangt.
Gemeinschaften, Unternehmen, Genossenschaften und Commons sind damit Werkzeuge. Ihre Legitimität hängt nicht an ihrer Existenz, sondern daran, dass sie den Beteiligten dienen und grundsätzlich verlassen werden können.
Eine Gemeinschaft, die man nicht verlassen kann, wird zum Gehäuse.
Damit beginnt das eigentliche Problem: A darf alles angreifen, B ebenfalls. Also können sie auch gegenseitig ihre Ansprüche angreifen.
Open Autonomy fragt deshalb, wie mehrere radikal eigenständige Menschen zusammenleben können, ohne über ihnen eine neue unangreifbare Instanz zu errichten.
3. Popper, Russell und Sagan: Werkzeuge der Prüfung
Stirner begründet die radikale Angreifbarkeit, liefert aber keine Methode, konkurrierende Behauptungen zu prüfen.
Hier setzt Karl Popper an.3 Gesellschaftliche Ordnungen sind keine endgültigen Wahrheiten, sondern korrigierbare Hypothesen. Statt utopischer Gesamtentwürfe bevorzugt er schrittweise, überprüfbare Veränderungen.4 Institutionen müssen kritisiert und ersetzt werden können.
Bertrand Russell ergänzt analytische Klarheit und epistemische Bescheidenheit.56 Entscheidend sind Fragen wie:
- Was wird behauptet?
- Welche Gründe sprechen dafür?
- Was spricht dagegen?
- Wie sicher können wir sein?
Carl Sagan macht diese Skepsis zur Alltagspraxis.7 Autorität ersetzt keine Evidenz. Skepsis bedeutet dabei nicht, alles abzulehnen, sondern unterschiedliche Grade der Begründung unterscheiden zu können. Niemand muss deshalb alles selbst prüfen. Kaum jemand hat alle Zeilen des Linux-Kernels gelesen. Man vertraut darauf, dass genügend Menschen sie geprüft haben und dass jeder sie prüfen könnte.8 Solches Vertrauen ist kein Glaube an Autorität, sondern Vertrauen in einen offenen Prüfprozess.
Daraus folgt:
Niemand kann alles prüfen. Aber jeder muss die Möglichkeit haben, sich die Fähigkeit anzueignen, alles prüfen zu können.
Popper, Russell und Sagan begründen jedoch nicht das Recht zum Angriff. Dieses folgt bereits aus Stirners Eigenheit. Sie liefern bevorzugte Werkzeuge für das Danach:
Angriff → Gegenkritik → Prüfung → Evidenz → Revision oder Dissens → vorläufige Vereinbarung → erneute Prüfung
Open Autonomy bevorzugt wissenschaftlich-rationale Verfahren, macht sie aber selbst angreifbar. Verschiedene Prüfverfahren müssen nicht epistemisch gleichwertig sein, um gleichermaßen kritisierbar zu bleiben.
4. Machtanalyse und Wahrheitsprüfung
Foucaults Analysen von Macht, Wissen und Normalisierung sind für Open Autonomy wertvoll.910 Die sozialen Bedingungen einer Behauptung entscheiden jedoch nicht allein über ihre Gültigkeit.
Machtanalyse kann zeigen, warum bestimmte Aussagen entstehen und sich durchsetzen. Ob sie stimmen, verlangt eine weitere Prüfung.
Machtanalyse ergänzt Wahrheitsprüfung, ersetzt sie aber nicht.
Hier unterscheidet sich Open Autonomy auch von Saul Newmans postanarchistischer Weiterführung Stirners.1112 Vereinfacht:
Stirner → Poststrukturalismus → Postanarchismus
Stirner → kritischer Rationalismus → Open Autonomy
Die erste Linie untersucht besonders Diskurse und Macht. Open Autonomy verbindet die Kritik des Fixierten stärker mit Prüfbarkeit, Evidenz und realen Handlungsmöglichkeiten.
Benachbarte Ansätze finden sich bei Proudhon, Thoreau, Hume, Mill, Hayek, Ostrom sowie in Debatten um relationale Autonomie.13141516171819 Keiner davon wird zum neuen Fundament.
Auch die Werkzeuge der Kritik besitzen eine Genese. Ergebnisse früherer Analysen können Ausgangspunkt späterer Untersuchungen werden. Dabei dürfen ihre ursprünglichen Voraussetzungen, Unsicherheiten und historischen Bedingungen nicht verschwinden. Ein früherer Schluss darf nicht allein durch seine fortgesetzte Verwendung zum Axiom werden.
Das gilt besonders für historische Machtanalysen. Eine in einer früheren Gesellschaft nachgewiesene Machtstruktur kann Hinweise auf gegenwärtige Verhältnisse liefern, beweist aber nicht deren Fortbestand oder Stärke. Ebenso darf eine heutige Kategorie zur Interpretation der Vergangenheit dienen, ohne mit den Kategorien und Handlungsmöglichkeiten der damaligen Menschen verwechselt zu werden. Jede Übertragung verlangt eine erneute Prüfung.
Wird schließlich der Angriff auf eine Ausgangsannahme mit eben jener Annahme als Ausdruck der untersuchten Macht erklärt, droht ein selbstverstärkender Erklärungskreislauf. Das macht die Analyse nicht falsch, erschwert aber ihre Korrigierbarkeit.
5. Recht von unten
Wenn keine höhere Idee über dem Einzelnen steht, muss auch Recht von den Beteiligten her gedacht werden.
Menschen können Regeln freiwillig eingehen, weil diese ihr Vermögen erweitern. Verlässliche Vereinbarungen ermöglichen Kooperation. Treffen solche angeeigneten Regeln im Verein zusammen, können gemeinsames Recht und Institutionen entstehen.
Einzelner → Erkenntnis → Aneignung → Vereinbarung → Recht → Prüfung → Erkenntnis …
Das ist keine historische Beschreibung, sondern ein Legitimitätskriterium: Recht bleibt legitim, soweit die Betroffenen es sich aneignen, angreifen und verändern können. Der Kreis beginnt in der Regel in einer bereits offenen, demokratischen Ordnung und öffnet sie schrittweise. Er muss die Gesellschaft nicht neu errichten.
Hume beschreibt Regeln als Konventionen, Hayek spontane Ordnung und Ostrom empirisch die Selbstorganisation von Commons.201718 Open Autonomy verbindet diese Gedanken mit Stirners Eigenheit: Recht darf Werkzeug bleiben und nicht zum Heiligtum werden.
Open Autonomy ist damit reformorientiert. Bestehende Institutionen werden nicht aufgrund ihrer Existenz verworfen. Sie dürfen fortbestehen, solange ihre Funktion begründbar bleibt und sie grundsätzlich angreifbar und veränderbar sind. Reform besitzt dabei keinen vorgegebenen Endzustand: Sie kann eine Institution erhalten, verändern, ergänzen, ersetzen oder überflüssig machen.
Symmetrie der Ansprüche
Mehrere Einzige erzeugen ein Symmetrieproblem.
A besitzt seine Vorstellungen und sein Prüfverfahren P_A, B besitzt P_B:
(A, P_A) ↔ (B, P_B)
Beide Verfahren können verschieden sein und sich gegenseitig angreifen. Kein Verfahren ist sakrosankt.
Die Symmetrie behauptet nicht, dass A und B gleich viel reale Autonomie besitzen oder ihre Verfahren gleich gut sind. Sie besagt, dass kein Einzelner allein aufgrund seiner Identität einen privilegierten Status erhält.
Wer Eigenheit nur für sich beansprucht, kann das tun. Er verlässt damit jedoch die Symmetrie einer Ordnung, in der mehrere Einzige ihre Eigenheit gegenseitig sichern.
Symmetrie ist keine moralische Pflicht des Einzigen, sondern die Bedingung einer gemeinsamen Ordnung ohne grundsätzlich privilegierten Einzigen.
Prüfung und Konflikt sind dabei zu unterscheiden. Argument, Evidenz und Kritik prüfen Behauptungen. Verhandlung, Trennung oder im äußersten Fall Gewalt bearbeiten Konflikte. Gewalt beweist nichts. Wer sie einseitig für sich beansprucht, verlässt die Symmetrie und trifft gegebenenfalls auf die vereinte Eigenheit der anderen.
6. Vermögen, Alternativen und Exit
Aus den Grundlagen ergibt sich das operative Prinzip:
Eigenheit durch reales Vermögen und verfügbare Alternativen.
Als Heuristik:
Autonomie steigt mit Vermögen und verfügbaren Alternativen und sinkt mit fremdbestimmten Exit-Kosten.
Dahinter steht die Kette:
Formale Freiheit → Vermögen → Alternativen → Exit → Freiwilligkeit → Eigenheit
Formales Dürfen genügt nicht. Erst Vermögen eröffnet reale Alternativen. Alternativen ermöglichen Exit. Und erst die Möglichkeit des Exit macht das Bleiben tatsächlich freiwillig.
Daraus ergeben sich praktische Hypothesen:
- Bildung erweitert Vermögen.
- wissenschaftliche Skepsis schafft epistemische Alternativen.
- Open Source schafft technische Alternativen.
- Dezentralisierung schafft strukturelle Alternativen.
- Märkte und Commons können Versorgungsalternativen schaffen.
- Pluralität verhindert Alternativlosigkeit.
- minimal funktionale Institutionen erleichtern Exit.
Auch Wirtschaftsformen sind daran zu messen. Märkte können durch verteiltes Wissen17 und Wettbewerb Alternativen erzeugen, verlieren diesen Vorteil aber dort, wo Monopole entstehen. Open Autonomy bindet sich deshalb nicht an eine Wirtschaftsordnung.
7. Open Source und Dezentralisierung
Open Source ist mehr als ein Lizenzmodell. Es überträgt die Idee der Eigenheit auf Technik.
Ein offenes System ermöglicht grundsätzlich, es zu verstehen, selbst zu betreiben, zu verändern, weiterzugeben und Alternativen daraus zu entwickeln.
Offenheit schafft Exit-Möglichkeiten.
Das garantiert keine Autonomie: Offenheit nützt nur, wenn Menschen oder Gemeinschaften das nötige Vermögen besitzen. Deshalb gehören Open Source und Bildung zusammen.
Dasselbe gilt für Dezentralisierung. Dezentrale Energie, lokale Fertigung, offene Software, globale Wissensnetze, Automatisierung und KI können kleinen Einheiten mehr Eigenständigkeit ermöglichen. Netzwerkeffekte, Skaleneffekte und hoher Kapitalbedarf können dagegen neue Zentralisierung erzeugen.
Technik ist deshalb weder automatisch befreiend noch zentralisierend. Entscheidend sind Offenheit, Alternativen und Exit-Kosten.
8. Macht durch Alternativen begrenzen
Open Autonomy erwartet keine Welt ohne Macht. Unterschiede in Wissen, Ressourcen und Fähigkeiten erzeugen Asymmetrien.
Die entscheidende Frage lautet:
Wie lässt sich verhindern, dass Macht unausweichlich wird?
Die wichtigste Antwort sind Alternativen. Ein Unternehmen besitzt weniger strukturelle Macht, wenn Konkurrenten, Commons oder Eigenproduktion existieren. Eine Plattform besitzt weniger Macht, wenn Daten mitgenommen werden können. Experten besitzen weniger epistemische Macht, wenn ihre Aussagen überprüfbar bleiben.
Macht wird damit durch Pluralität, Transparenz und Exit begrenzt.
Ungleichheit ist real. Open Autonomy verspricht nicht, sie aufzuheben, sondern die Freiheit aller zu erweitern, auch aus schlechteren Positionen heraus. Offenes Wissen, freie Software und zugängliche Bildung senken Exit-Kosten gerade für diejenigen, die sich teure Alternativen nicht leisten können. Wer einem anderen eine Freiheit verweigert, die er für sich selbst beansprucht, verlässt die Symmetrie.
Auch gemeinsame Schutzinstitutionen sind möglich. Sie beruhen jedoch nicht auf einer höheren moralischen Instanz, sondern auf der vereinten Eigenheit der Beteiligten. Ein Angreifer wird nicht metaphysisch widerlegt. Er trifft auf Menschen, die ihr Vermögen zu ihrem Schutz verbinden.
Zwang
Open Autonomy behauptet nicht, jeden Zwang beseitigen zu können. Zwang bleibt jedoch angreifbar und trägt seine Rechtfertigung nicht in sich selbst.
Zwang bleibt nur so lange Grenze der Autonomie und wird nicht zu ihrem Gegner, wie die Beweislast beim Zwingenden liegt, seine Gründe überprüfbar bleiben, Betroffene widersprechen können und vermeidbarer Zwang abgebaut wird.
Auch langfristige Regeln dürfen bestehen. Sie werden jedoch nicht durch ihr Alter oder ihre gesellschaftliche Bedeutung unangreifbar.
9. Exit-Kosten als Maßstab
Die zentrale praktische Frage lautet:
Was kostet es einen Menschen, eine Struktur zu verlassen?
Exit-Kosten können technisch, finanziell, sozial, epistemisch, rechtlich oder zeitlich sein.
Auch die Umwelt gehört in diese Rechnung. Sie muss dafür nicht personifiziert werden. Menschen sind von ihr abhängig, und ihre Veränderung beeinflusst Vermögen, Alternativen und Exit-Kosten gegenwärtiger und künftiger Menschen.
Nicht alle Exit-Kosten mindern Autonomie. Entscheidend ist, ob sie angeeignet oder fremdbestimmt ist.
Hier muss zwischen Bindung und irreversibler Folge unterschieden werden.
Eine Bindung wirkt fort, weil Menschen, Regeln oder Institutionen einen früheren Willen gegenwärtig geltend machen. Sie bleibt Eigentum, solange man sie verlassen kann.
Eine irreversible Folge entsteht dagegen aus der veränderten Wirklichkeit. Wer ein Haus abreißt, kann seinen Entschluss später ändern, aber dadurch steht das Haus nicht wieder. Wer bei Regen auf ein Feld geht, kann beschließen, dort nicht mehr stehen zu wollen; er muss trotzdem den Weg zurückgehen.
Eine Entscheidung darf unumkehrbare Folgen haben. Sie darf aber nicht allein aufgrund ihrer Vergangenheit zum Herrschaftsanspruch über den gegenwärtigen Einzelnen werden.
Open Autonomy verlangt, dass man Bindungen verlassen kann, nicht dass die Welt umkehrbar ist.
Verträge dürfen deshalb Kosten des Austritts erzeugen. Entscheidend ist, dass Exit möglich bleibt und seine Bedingungen transparent sind.
Hirschmans Verbindung von Exit und Voice zeigt zusätzlich, warum Exit auch diejenigen stärkt, die bleiben.21
Je höher fremdbestimmte Exit-Kosten sind, desto größer ist das Potential einer Struktur, Bedingungen gegen den gegenwärtigen Willen des Einzelnen durchzusetzen.
10. Das minimal Funktionale
Institutionen sind Werkzeuge. Sie dürfen komplex sein, soweit ihre Funktion es verlangt, aber ihr Fortbestehen ist kein Selbstzweck.
So viel Struktur wie funktional nötig, so wenig institutionelle Fixierung wie möglich.
Jede Institution muss sich fragen lassen:
Wozu bist du noch da?
Minimal funktionale Strukturen sind leichter zu verändern, zu ersetzen oder zu verlassen. Dadurch begrenzen sie zugleich Exit-Kosten.
11. Bildung zur Autonomie
Bildung ist keine Anwendung unter anderen. Sie ist Voraussetzung des gesamten Ansatzes.
Offene Software nützt nur dem, der sie verstehen kann. Skepsis schützt nur den, der Gründe beurteilen kann. Exit hilft nur dem, der Alternativen erkennt.
Bildung soll deshalb Vermögen erzeugen: selbst entscheiden, lernen, prüfen, Fehler nutzen, kooperieren und Wissen erschließen.
Die Lehrkraft wird damit nicht überflüssig. Ihre Aufgabe verschiebt sich: Sie schafft Rahmenbedingungen, stellt Wissen und Werkzeuge bereit und unterstützt Lernende dabei, zunehmend ohne sie auszukommen.
Auch digitale Werkzeuge und KI sind daran zu messen. Ein Lernbegleiter, von dem der Lernende dauerhaft abhängig bleibt, verfehlt sein Ziel.
Bildung ist der Hebel, Exit-Kosten sind das Maß.
Das Bildungsparadox
Schule soll Autonomie erzeugen und ist zugleich eine Pflichtinstitution. Darin liegt ein echter Widerspruch.
Die entscheidende Frage lautet:
Darf man einen Menschen zur Bildung zwingen, damit er später selbst entscheiden kann?
Open Autonomy besitzt darauf keine endgültige Antwort. Wer nicht gebildet werden kann, verliert dadurch nicht seinen symmetrischen Status. Wer Bildung ablehnt, darf nicht einfach „zu seiner Freiheit" gezwungen werden. Bei Kindern entsteht jedoch das Problem, dass gegenwärtiges Nicht-Wollen späteres Nicht-Können erzeugen kann.
Hier erreicht das Framework eine seiner Grenzen.
12. Open Autonomy bleibt offen
Open Autonomy wendet seine Kritik auf sich selbst an.
Stirner, Popper, Russell und die hier entwickelten Grundsätze bleiben angreifbar. Widerspricht die Wirklichkeit der Theorie, muss die Theorie geprüft werden.
Der Ansatz besitzt dennoch einen minimalen Ausgangspunkt:
- Keine Idee steht über dem Einzelnen – auch nicht diese.
- Autonomie ist keine abstrakte Freiheit, sondern ein Vermögen.
- Niemand kann alles prüfen. Aber jeder muss die Möglichkeit haben, sich die Fähigkeit anzueignen, alles prüfen zu können.
Diese Axiome sind Setzungen, keine ewigen Wahrheiten. Sie dürfen abgelehnt werden.
Das gilt bis zur freiwilligen Unterordnung. Ein Mensch darf geführt werden, gehorchen oder hierarchisch leben wollen. Autonomie darf selbst nicht zum Zwang werden.
Entscheidend bleibt der gegenwärtige Einzelne:
„Ich will gehorchen." – möglich.
„Du darfst nicht mehr aufhören zu gehorchen." – Verlust der Eigenheit.
Niemand darf zu seiner Freiheit gezwungen werden.
Open Autonomy ist deshalb kein Entwurf einer perfekten Gesellschaft, sondern ein Framework zur fortlaufenden Prüfung gesellschaftlicher Strukturen aus der Sicht des konkreten Einzelnen.
Zusammenfassung
Open Autonomy beginnt bei Stirners Einzigem und dessen Recht, alles anzugreifen. Das Zusammentreffen mehrerer Einziger erzeugt das soziale Problem, auf das die Symmetrie antwortet: Eine gemeinsame Ordnung ohne privilegierten Einzelnen.
Russell, Popper und Sagan liefern bevorzugte Werkzeuge für Kritik, Prüfung und Revision, ohne selbst unangreifbar zu werden.
Reale Autonomie entsteht durch Vermögen und Alternativen. Alternativen ermöglichen Exit, und fremdbestimmte Exit-Kosten zeigen strukturelle Abhängigkeit.
Daraus folgen Open Source, Dezentralisierung, Pluralität und minimal funktionale Institutionen als praktische Hypothesen.
Im Zentrum steht die Bildung, weil sie Vermögen erzeugt und damit formale Freiheit in Eigenheit verwandeln kann.
Das Ziel ist keine perfekte Gesellschaft.
Das Ziel sind Bedingungen, unter denen Menschen ihre eigenen Wege finden können, ohne dass ihre Werkzeuge, Regeln und Gemeinschaften zu unangreifbaren Autoritäten über sie werden.
Begriffe
- Autonomie
- Maß tatsächlicher Verfügung über sich und die eigenen Bindungen.
- Eigenheit
- Freiheit, die zum eigenen Vermögen geworden ist.
- Vermögen
- tatsächliches Können: Wissen, Fähigkeiten, Mittel und Beziehungen.
- Fixe Idee
- eine verselbstständigte Abstraktion, der der Mensch dient.
- Aneignung
- Übernahme einer Regel oder Bindung nach eigener Prüfung.
- Verein
- Kooperation, die den Beteiligten dient und grundsätzlich verlassen werden kann.
- Symmetrie
- kein Einzelner besitzt innerhalb einer gemeinsamen Ordnung allein aufgrund seiner Person einen privilegierten Anspruch auf Eigenheit.
- Prüfverfahren
- Verfahren zur Prüfung von Behauptungen; selbst angreifbar.
- Konfliktverfahren
- Verfahren zum Umgang mit nicht aufgelösten Konflikten.
- Exit
- reale Möglichkeit, eine Struktur zu verlassen.
- Fremdbestimmte Exit-Kosten
- nicht angeeignete Kosten eines solchen Austritts.
- Bindung
- soziale, rechtliche oder institutionelle Fortwirkung, die den gegenwärtigen Handlungsspielraum aufgrund eines früheren Willens beeinflusst.
- Irreversible Folge
- Veränderung der Wirklichkeit, die ein späterer Willenswechsel nicht rückgängig machen kann.
- Minimal funktional
- so viel Struktur wie nötig, so wenig Fixierung wie möglich.
Literatur
- Stirner, Max (1844): Der Einzige und sein Eigentum. Leipzig: Otto Wigand. ↩
- Goethe, Johann Wolfgang von (1806): „Vanitas! vanitatum vanitas!" ↩
- Popper, Karl R. (1945): The Open Society and Its Enemies. London: George Routledge & Sons. ↩
- Popper, Karl R. (1957): The Poverty of Historicism. London: Routledge & Kegan Paul. ↩
- Russell, Bertrand (1945): A History of Western Philosophy. New York: Simon and Schuster. ↩
- Russell, Bertrand (1928): Sceptical Essays. London: George Allen & Unwin. ↩
- Sagan, Carl (1995): The Demon-Haunted World. New York: Random House. ↩
- Raymond, Eric S. (1999): The Cathedral and the Bazaar. Sebastopol: O'Reilly. (Dort formuliert als „Linus's Law“: „Given enough eyeballs, all bugs are shallow.") ↩
- Foucault, Michel (1976): Histoire de la sexualité I. Paris: Gallimard. ↩
- Foucault, Michel (1975): Surveiller et punir. Paris: Gallimard. ↩
- Newman, Saul (2011): The Politics of Postanarchism. Edinburgh University Press. ↩
- Newman, Saul (2001): From Bakunin to Lacan. Lexington Books. ↩
- Proudhon, Pierre-Joseph (1840): Qu'est-ce que la propriété? ↩
- Thoreau, Henry David (1849): „Resistance to Civil Government." ↩
- Hume, David (1748): An Enquiry Concerning Human Understanding. ↩
- Mill, John Stuart (1859): On Liberty. ↩
- Hayek, Friedrich A. (1945): „The Use of Knowledge in Society." American Economic Review, 35(4), 519–530. ↩
- Ostrom, Elinor (1990): Governing the Commons. Cambridge University Press. ↩
- Mackenzie, Catriona / Stoljar, Natalie (Hg.) (2000): Relational Autonomy. Oxford University Press. ↩
- Hume, David (1739–40): A Treatise of Human Nature. ↩
- Hirschman, Albert O. (1970): Exit, Voice, and Loyalty. Harvard University Press. ↩